Der Kristall, eine Insel und Schokolade
01.08.2009 /10.24
Als ich mich eines Morgens an meinen
Frühstückstisch setzte, saß schon jemand in
meiner Tasse…
Erst sah ich ihn gar nicht und futterte
schlaftrunken mein Müsli. Als ich aber zu
meinem Kakao griff, um einen Schluck davon
zu nehmen, erblickte ich ihn. Naja, wenn nicht
wäre ich wohl blind gewesen, denn der kleine
Mann blitzte und schillerte. „Nanu, wer bist du
denn?“, fragte ich das türkise Männchen
reichlich erstaunt. „Mein Name ist Korlachin
und ich bin im Auftrag von Miss Cherry hier.“,
der kleine Mann zog seinen Hut. „Aha.“, sagte
ich obwohl ich nur verstanden hatte, dass der
kleine Kerl Korlachin hieß. Was es mit dieser
Miss Cherry oder so auf sich hatte, davon
hatte ich keinen blassen Schimmer. „Folge
mir!“, das klang wie ein Befehl. Das Männchen
führte mich in das Schlafzimmer meiner
Eltern. Als wir das Zimmer betraten, bekam
ich einen Schock. Wie sah es denn hier aus?
Alles war verwüstet: Kleider waren auf dem
Boden zerstreut, Mamas Schminkschrank war
ausgeräumt und die Gardinen waren
zerrissen. Da entdeckte ich die Übeltäter: Es
war ein geflügeltes Pferd und ein kleines
Mädchen, das genauso groß und genau so
schillerte wie Korlachin. Ich wollte
irgendetwas sagen, aber mir fielen nicht die
richtigen Worte ein. Was sagte man denn
auch zu einem geflügelten Pferd und zwei
anderen Wesen von denen das eine das
Schlafzimmer meiner Eltern total verwüstet
hatte und der andere in einer kleinen Tasche
wühlte. „Ich bin Zoelina und wer bist du?“,
fragte das Mädchen. „ Ich, also, naja, ich heiße
Lucie, aber, was…?“, weiter kam ich nicht,
denn Korlachin unterbrach mich: „Wir müssen
jetzt los, sonst kommen wir zu spät zu der
Prüfung!“ „Zu welcher Prüfung denn?“ „Na, zu
deiner Prüfung!“, erklärte mir Zoelina. Bevor
ich fragen konnte, wieso, weshalb und warum
diese Prüfung überhaupt war, war ich auch
schon so klein wie eine Spielzeugpuppe, oder
besser gesagt, so groß wie die beiden
schillernden Männchen.
Wir stiegen auf das geflügelte Pferd. Ich
bekam einen riesigen Schreck, denn es flog
genau auf die Wand zu. „Halt! Stoooop!“, rief
ich so laut ich konnte. Aber keiner hörte auf
mich. Ich schloss die Augen und
verabschiedete mich von der Welt, als ich
einen sanften Luftzug spürte.
„Du kannst die Augen wieder öffnen!“, drang
das dünne Stimmchen von Zoelina an mein
Ohr. Ich schlug meine Augen auf. „Aber, aber,
ich bin ja gar nicht tot!“, verwundert sah ich
mich um. Ich sah Bäume, naja zumindest
erinnerten sie mich an welche. Sie hatten
Luftblasen in verschiedenen Farben an den
Ästen hängen und, was ich ganz besonders
schön fand, waren die schimmernden Kristalle
darin. Auch die Blütenblätter der Pflanzen
waren mit Kristallen verziert. Es war eine
Welt, in der es in jeder Ecke funkelte. Da kam
uns ein Schwarm von fliegenden Pferden
entgegen und eine Reihe Criosos, so nannte
sie Zoelina, kreuzten unseren Weg. Das sind
kleine, grimmig dreinschauende Kobolde, die
mit Hacken auf wandernde Pilze einschlugen.
Diese ließen sich das aber nicht gefallen und
liefen mit ihren kleinen, dünnen Beinchen
davon. Auch die Pilze hatten wieder bunte
Kristalle auf ihren Schirmen.
Plötzlich stieß mich Korlachin so fest, dass ich
fast von dem geflügelten Pferd gefallen wäre.
„Schau!“, rief er aufgeregt mit seinem dünnen
Stimmchen. „Da ist der Kristallpalast!“
Er zeigte mit seinem kleinen, dicken Finger
geradeaus. Ich musste für einen Moment die
Augen schließen, so hell war es auf einmal.
Vor uns lag ein riesengroßer, weißer Palast. Er
war von der Turmspitze bis zum Tor
wunderbar verziert mit funkelnden Kristallen.
Es war ein prachtvoller Anblick, der sich uns
bot. „Das ist ja wunderschön!“, staunte ich.
Wir flogen weiter auf den Palast zu. „Was
wollen wir denn da?“, fragte ich, weil ich mir
nicht vorstellen konnte, dass uns dort jemand
erwartete. Aber wir flogen nicht genau auf das
Tor, sondern auf ein kleines Gartenhäuschen
nebenan zu.
Vor dem kleinen Häuschen stand eine dickere
Frau mit einem roten, rundlichen Gesicht und
winkte uns zu. Wir landeten genau vor ihren
Füßen. „Da seid ihr ja endlich!“, empfing die
kleine Dame uns. Korlachin zog seinen Hut.
„Entschuldigt vielmals, Miss Cherry, aber das
Menschenwesen hat sehr lange geschlafen.“
„Also, das ist ja eine Frechheit!“, empört stieg
ich von dem geflügelten Pferd. Die alte Dame
lachte. „Folgt mir!“, Miss Cherry, wie Korlachin
sie nannte, führte uns zu einer Reihe von lila
Sesseln, die in einem kleinen gemütlichen
Raum standen. Irgendwie hatte ich das Gefühl,
die Sessel winkten uns freundlich zu, so setzte
ich mich auf einen etwas Kleineren. Ich
glaube, ich sah Miss Cherry fragend an,
deshalb fiel sie, wie man so schön sagt, gleich
mit der Tür ins Haus: „Also, es ist so: Ich habe
mich nach einer neuen Kristallkönigin
umgeschaut und… meine Wahl fiel auf dich.“ „
Auf mich, aber wieso denn ausgerechnet ich?
Was ist überhaupt eine Kristallkönigin?“,
fragte ich. Ich kniff mir in die Wange, weil ich
nicht weiterwusste. Aber das war doch
sowieso nur ein Traum, beruhigte ich mich.
Oder??
Da riss mich die alte Frau aus meinen wirren
Gedanken: „Erfülle die drei Aufgaben!“ Sie
zeigte auf die Tür „Geh jetzt und verliere nicht
den Mut. Du wirst es schaffen!“
Was sollte das denn schon wieder bedeuten?
Erst holt sie mich in ihr komisches Haus und
nun schickte sie mich wieder weg! Aber ich
stand trotzdem auf und ging. Ohne „Auf
Wiedersehen“ zu sagen. Korlachin und Zoelina
kamen mir hinterher, allerdings
verabschiedeten die beiden sich herzlich von
Miss Cherry.
Dann stieg Zoelina auf das geflügelte Pferd.
Korlachin jedoch holte ein dickes Buch aus
seiner Tasche. Dann flüsterte er dem Pferd
etwas zu und stieg auf. Ich setzte mich hinter
die beiden. Da schoss das Pferd auch schon in
die Luft und wir segelten los. Wieder flogen
wir über die wunderschönen Bäume und die
bunten Blumen.
Nach einiger Zeit Flug kamen wir zu einer
riesengroßen Blume. Um das hübsch
schillernde Naturwunder schwirrten wie
fleißige Bienen viele Mädchen und Jungen in
Miniformat mit kleinen Flügeln. An uns vorbei
flog eine blonde, zierliche Elfe. Ich wusste,
dass es Elfen waren, weil Zoelina mir auf dem
Flug erzählt hatte, dass ich als erstes
Elfenohrringe bräuchte um Kristallkönigin zu
werden. Da landete das geflügelte Pferd und
wir stiegen von seinem Rücken. „Du musst zu
der Elfenkönigin gehen und dir ihre Ohrringe
holen. Dir wird schon etwas einfallen um sie
zu bekommen!“, mit diesen Worten gab
Korlachin mir einen Schubs in Richtung
Riesenblume.
Hoffentlich war diese Elfenkönigin nett, dann
war es sicher auch nicht so schwer, ihre
Ohrringe zu bekommen.
Ich betrat die Blume durch ein kleines Loch in
dem Stängel. In der Pflanze herrschte reges
Treiben, tausende von Elfen flogen herum,
und irgendwie hatte ich das Gefühl, sie
bemerkten mich gar nicht. Ja, man konnte sie
wirklich mit Bienen vergleichen. Bloß, dass sie
keinen Honig umherflogen, sondern eine
braune Masse. Plötzlich ließ eine Elfe etwas
von dem braunen Zeug fallen. Es fiel genau auf
meinen Zeigefinger. So eine Sauerei!
Gedankenverloren schleckte mir den Finger
ab. Der Geschmack kam mir bekannt vor,
genau, das war eindeutig Schokolade!
Komisch, warum transportierten die denn
bloß Schokolade?
Ich war an einer großen Halle angelangt.
Mittendrin saß eine etwas größere Elfe. Das
musste die Königin sein. Neben ihr stand ein
Kasten, aus dem es funkelte. Das also mussten
die Ohrringe sein. Ich trat näher heran. Höflich
verbeugte ich mich vor der Elfenkönigin. „Was
wünscht du?“, fragte sie mich in einem
Tonfall, der mir ganz und gar nicht gefiel.
„Sie haben wunderschöne Ohrringe, und… ich
wollte sie fragen, ob ich mir diese einmal
borgen dürfte?“, das sagte ich so zuckersüß,
wie ich konnte. „Was erlaubst du dir?
Wachen! Schafft diese Göre weg! Ich will sie
nicht mehr sehen!“, sofort kamen zwei bullige
Elfen angeflogen und zogen ihre Schwerter.
„Halt!“, rief ich „Ich könnte ihnen auch einen
hohen Preis geben!“ Mir war gerade eine Idee
gekommen. Die Königin hob die Hand und die
Wachen stoppten. Jetzt nur nichts falsch
machen! „So, so, und was sollte dieser Preis
sein?“ Sie blickte von ihrem hohen Thron auf
mich herab. „Wie wäre es mit Schokolade?“,
fragte ich listig. Die Augen der Königin
weiteten sich. „Zeig mir die Schokolade!“,
befahl sie und ihre Augen leuchteten. Ich
kramte in meinen Hosentaschen und
tatsächlich kam eine Tafel Schokolade ans
Tageslicht. Moment mal, was stand da drauf?
Mon Cherry? Aber das konnte doch nicht wahr
sein! Miss Cherry! Sie schien doch nicht so
schlimm zu sein, wie ich gedacht hatte! Mir
stieg die Röte ins Gesicht und ich murmelte
ein leises „Entschuldigung“. Es war albern,
sehr albern, aber ich war mir ganz sicher, dass
sie es hören würde.
„Wo bleibt denn jetzt die Schokolade?“, hörte
ich die ungeduldige Stimme der Elfenkönigin.
Ich reichte ihr die Tafel. Sie riss die Packung
sofort auf und sagte mampfend: „Nimm sie
dir, aber pass gut auf sie auf!“ Damit meinte
sie wohl die Ohrringe.
Ich ging zu der Vitrine und öffnete sie
vorsichtig. Dann nahm ich die Prachtstücke
heraus, und verließ den Palast mit einem
Siegeslächeln. Draußen warteten schon
Zoelina und Korlachin auf mich. Ich zeigte
ihnen die Ohrringe, und wir stiegen wieder auf
das Pferd.
„So, das wäre geschafft. Die zweite Aufgabe
lautet:“, Korlachin holte sein Buch heraus.
„Hole das Haar eines geflügelten Pferdes!“ Oh
mein Gott, wo sollten wir das denn
herbekommen. Ich dachte angestrengt nach.
Vorsichtig strich ich über das Fell des
geflügelten Pferdes. Da fiel es mir wie
Schuppen von den Augen! Natürlich! Da ich
hinten saß, war es ganz leicht, ein Haar aus
dem Schweif unseres Pferdes zu ziehen.
„Schon erledigt!“, rief ich.
„Na gut, dann musst du nur noch zur Milk
Island.“ Nun musste ich mich wohl auf das
geflügelte Pferd und auf Korlachin verlassen.
Wir flogen über einen kleinen Wald mit den
funkelnden Kristallen. Dann flogen wir über
eine Wiese hinweg, auf der man kleine Zwerge
mit orange, lila oder neongelben Hüten
erkennen konnte.
Endlich kamen wir zu einem Meer. Es sah
fantastisch aus: weiße Wellen, mit
Schaumkronen, auf denen ein klein wenig
braunes Pulver war. Es erinnerte mich an
meinen Kakao, den ich heute Morgen trinken
wollte. Korlachin war darin gewesen, und
dann hatte das Abenteuer angefangen, das
mir mal echt, mal wie ein Traum vorkam. Das
Pferd landete, und wir stiegen ab. „Wieso
fliegen wir nicht einfach hinüber?“, fragte ich,
weil ich nicht verstehen konnte, wieso wir
gelandet waren. „Weil das nicht geht.“,
erklärte mir Korlachin. „Allerdings könnten wir
es mit Wünschen versuchen. Das ist aber auch
sehr gefährlich!“ „Egal, wie funktioniert
das?“, ich hatte längst keine Angst mehr.
„Naja, also, man legt sich ins Wasser und
denkt nur an das, wo man hinmöchte.“ „Ok,
dann mal los!“, ich ging auf das Wasser zu.
„Halt!“, rief Korlachin und ich drehte mich
erschrocken zu ihm herum. „Du darfst wirklich
nur an die Insel denken!“ „Mach ich.“,
versprach ich, dann setzte ich meinen Weg
fort. Ich hörte, wie mir Zoelina und Korlachin
folgten. Als ich am Meer angekommen war,
legte ich mich vorsichtig ins Wasser, und
schwamm los. Immer dachte ich nur: „Milk
Island, Milk Island!“ Ich stellte mir einen
Strand vor, und plötzlich drückte es mich in
die Tiefe. Ich wollte schreien, doch ich konnte
nicht.
Da schlug ich plötzlich auf, und landete an
einem Strand. Neben mir knallte es zweimal,
dann waren auch Korlachin und Zoelina da.
Auf einmal holte Korlachin eine Sanduhr aus
einem Beutel. „Questibus! Wir haben nicht
mehr viel Zeit!“ Ich wusste zwar nicht, was er
damit meinte, aber ich rannte los. Hinter mir
die anderen beiden. Wir liefen durch eine Art
Urwald, bis wir an einen Tempel kamen.
„Schnell, lauf da rein! Viel Glück!“, riefen mir
Korlachin und Zoelina noch nach.
Ich war nun an dem Tempel angelangt, doch
ich sah nirgends eine Tür oder Öffnung. „Mist,
Mist, Mist!“, schimpfte ich, da sah ich eine
kleine Rille in der Mauer. Ich kramte das kleine
Haar des Pferdes heraus und legte es hinein.
Tatsächlich! Es klappte. Die Wand öffnete sich
und ich schlüpfte hinein. Ich folgte Pfeilen, die
an der Wand mit Kristallen angebracht waren.
Nach ein paar Minuten kam ich zu einem
Raum, in dessen Mitte ein Kreis aufgezeichnet
war. Ich wusste nicht, was ich nun machen
sollte. Da hatte ich eine Idee: Ich stellte ich
mich in die Mitte des Kreises. Vorsichtig legte
ich die Ohrringe auf den Boden.
Plötzlich hörte ich eine bekannte Stimme:
„Lucie, komm endlich! Zähneputzen!“ Das war
eindeutig meine Mutter. Ich saß auch wieder
an meinem Frühstückstisch und rührte in
meinem Müsli. Hatte ich das also alles nur
geträumt?
Da entdeckte ich den funkelnden Kristall in
meiner linken Hand…
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